Um das Département Marne (Département 51) wirklich zu verstehen, muss man über die Bläschen im Champagnerglas hinausblicken. Diese Region im Herzen des Grand Est ist eine Landschaft von tiefgreifender historischer Bedeutung, spiritueller Tiefe und stiller Naturschönheit.
1. Geschichte: Das Land der Könige und des Gewissens
Die Geschichte der Marne ist von zwei Extremen geprägt: dem Glanz des französischen Königshauses und der verheerenden Tragödie der modernen Kriegsführung.
Antike und mittelalterliche Wurzeln
Ursprünglich von den Remern, einem gallischen Stamm, der mit Julius Caesar verbündet war, bewohnt, entwickelte sich die Region zu einem wichtigen römischen Zentrum. Die Stadt Reims (Durocortorum) wuchs zu einer der größten Städte des Römischen Reiches heran.
Die Taufe Chlodwigs: Um 496 n. Chr. wurde Chlodwig, der König der Franken, in Reims getauft. Dieses Ereignis begründete die Tradition der französischen Krönungen. Fast tausend Jahre lang, von Ludwig dem Frommen im Jahr 816 bis Karl X. im Jahr 1825, wurde fast jeder französische König in der Kathedrale von Reims gekrönt.
Der Erste Weltkrieg: „Das Wunder an der Marne“
Die Lage der Marne – als Tor zu Paris – machte sie zu einem der wichtigsten Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs.
Die Erste Marneschlacht (1914): Berühmt für die „Taxis an der Marne“, bei denen 600 Pariser Taxis requiriert wurden, um Truppen an die Front zu bringen, stoppte diese Schlacht den deutschen Vormarsch und veränderte den Kriegsverlauf.
Die Zweite Marneschlacht (1918): Dies war die letzte große deutsche Offensive, die mit einem Sieg der Alliierten endete und den Anfang vom Ende des Krieges einläutete.
Vermächtnis: Das Gebiet ist bis heute eine Nekropole mit 164.145 Soldatengräbern. Dörfer wie Tahure und Ripont wurden so vollständig zerstört, dass sie nie wieder aufgebaut wurden und heute als „détruits villages“ bekannt sind.
Versöhnung und Moderne
Nach 1945 wurde die Marne zu einem Symbol des Friedens. Am 7. Mai 1945 wurde in Reims die bedingungslose Kapitulation des Dritten Reiches unterzeichnet. Später, 1962, trafen sich Charles de Gaulle und Konrad Adenauer in der Kathedrale von Reims, um die deutsch-französische Versöhnung zu besiegeln und ein vom Krieg gezeichnetes Land in eine Wiege der europäischen Einheit zu verwandeln.
2. Beschreibung: Eine Landschaft mit drei Gesichtern
Die Marne ist geprägt von ihrer geologischen Vielfalt, die ihre Wirtschaft und Atmosphäre bestimmt.
Die Kreideebene (Champagne Pouilleuse)
Das Zentrum des Départements bildet ein weites, offenes Plateau aus Oberkreide-Kreide. Einst als „pouilleuse“ (arm/unscheinbar) verschrien, haben moderne Bewässerung und Düngung die Region zu einer der produktivsten Agrarzonen Frankreichs gemacht, berühmt für Weizen, Gerste und Zuckerrüben.
Die Weinberge (Die Hügel)
Im Westen und Norden erstrecken sich die weltberühmten Hügel. Die Montagne de Reims, die Côte des Blancs und das Marne-Tal sind die Gebiete, in denen der Kalkboden an die Oberfläche tritt und so für optimale Drainage und Temperaturregulierung für die Rebsorten Pinot Noir, Meunier und Chardonnay sorgt.
Die Bocage und die Seen
Im Süden und Osten geht die Landschaft sanft in die feuchte Champagne über, die von Wäldern, Lehmböden und dem riesigen Lac du Der-Chantecoq, einem der größten Stauseen Europas, geprägt ist.
3. Typische Küche: Die Gastronomie der Coteaux
Champagner ist zwar der Star, doch die regionale Küche ist herzhaft, traditionell und überraschend raffiniert.
Herzhafte Spezialitäten
Jambon de Reims: Anders als herkömmlicher Schinken wird dieser aus Schulter- und Schinkenfleisch hergestellt, in einer aromatischen Brühe gekocht, mit Petersilie marmoriert und mit gelben Semmelbröseln paniert.
Pied de Porc à la Sainte-Ménehould: Dieses Gericht ist legendär. Die Schweinsfüße werden über 40 Stunden lang geschmort, bis die Knochen weich und essbar sind, dann paniert und gegrillt.
Potée Champenoise: Ein Winterklassiker, ein langsam gekochter Eintopf aus geräuchertem Schweinefleisch, Kohl, Kartoffeln, Karotten und Steckrüben.
Senf und Essig aus Reims: Aus dem Degorgieren der Champagnerproduktion stellen lokale Häuser wie Clovis einen einzigartig blumigen Essig und einen steingemahlenen Senf her, der leichter und aromatischer als sein Dijon-Pendant ist.
Süßigkeiten und Gebäck
Biscuit Rose de Reims: Diese Vanille-Biskuits wurden in den 1690er Jahren von Maison Fossier kreiert und werden zweimal gebacken, um sie besonders knusprig zu machen. Traditionell werden sie in ein Glas Champagner getunkt – der Biskuit ist so konzipiert, dass er auch in feuchtem Zustand nicht zerbröselt.
Nonnettes: Kleine Lebkuchenküchlein, gefüllt mit Orangenmarmelade oder Honig.
Bouchons (Champagnerkorken): Dunkle Pralinen in Form von Champagnerkorken, gefüllt mit Marc de Champagne (einem lokalen Brandy).
4. Aktivitäten: Von der Erde bis in die Lüfte
Für Geschichtsbegeisterte
Kathedrale von Reims: Ein gotisches Meisterwerk mit der Statue des „Lächelnden Engels“ und Glasfenstern von Marc Chagall.
Palais du Tau: Der ehemalige Erzbischöfliche Palast, in dem Krönungsbankette stattfanden.
Fort de la Pompelle: Ein wichtiger Verteidigungspunkt im Ersten Weltkrieg, heute ein Museum mit einer erstklassigen Sammlung deutscher Pickelhauben.
Für Weinliebhaber
Avenue de Champagne (Épernay): Sie gilt als die teuerste Straße der Welt, da in den 110 Kilometern Weinkellern unter den Prachtbauten von Moët & Chandon, Perrier-Jouët und Pol Roger Millionen von Flaschen lagern.
Pressoria (Áÿ-Champagne): Ein Sinnesmuseum, das unsSehen, Riechen und Fühlen – so lässt sich der Weg vom Boden ins Glas beschreiben.
Für Abenteuerlustige
Heißluftballonfahrt: Über den Weinbergen im Sonnenaufgang zu schweben, ist ein unvergessliches Erlebnis in der Marne.
Radweg im Marnetal: Ein 45 km langer, asphaltierter Weg entlang des Kanals, der kleine Weindörfer miteinander verbindet.
5. Geschäfte: Lokales Kunsthandwerk und Luxus
In der Marne steht Savoir-faire – die Kunst der Qualitätsfertigung – im Mittelpunkt.
Maison Fossier (Reims): Die älteste Keksfabrik Frankreichs. Ein Muss für alle, die die ikonischen rosafarbenen Dosen lieben.
Cave aux Coquillages (Fleury-la-Rivière): Ein einzigartiges Geschäft und Museum mit Fossilien aus dem tropischen Meer, das die Champagne vor 45 Millionen Jahren bedeckte.
Trésors de Champagne (Reims): Eine Boutique-Bar, betrieben von einer Kooperative kleiner Winzer, mit seltenen Flaschen, die Sie nicht im Supermarkt finden.
L’Atelier by Baillet (Aÿ): Hochwertiges lokales Kunsthandwerk, darunter Lederwaren und Schmuck, inspiriert vom Weinbau.
6. Feste: Ein Festkalender
Fête de la Saint-Vincent (Januar): Der Schutzpatron der Winzer wird mit Umzügen und gemeinsamen Festessen in Dörfern wie Le Mesnil-sur-Oger gefeiert.
Les Habits de Lumière (Dezember): Die Avenue de Champagne in Épernay verwandelt sich in ein Lichtermeer aus Lichtinstallationen, Videoprojektionen an Fassaden aus dem 19. Jahrhundert und Straßenkünstlern.
Flâneries Musicales de Reims (Juni/Juli): Eine Reihe von Konzerten mit klassischer Musik und Jazz in Parks, Kirchen und sogar Champagnerkellern.
Johanna-von-Arc-Fest (Mai/Juni): Reims feiert die Jungfrau von Orléans, die Karl VII. zu seiner Krönung hierher führte, mit mittelalterlichen Märkten und Umzügen.
7. Natur: Die grüne Lunge des Ostens
Regionaler Naturpark Montagne de Reims
Dieser Park ist ein Paradies für Wanderer. Er ist vor allem für den Faux de Verzy bekannt – einen Wald aus knorrigen Zwergbuchen. Ihre bizarren, verdrehten Formen haben seit Jahrhunderten lokale Legenden inspiriert; Wissenschaftler vermuten, dass es sich um eine genetische Mutation handelt, doch sie bleiben ein einzigartiges Naturrätsel.
Lac du Der-Chantecoq
Dieser 4.800 Hektar große See bietet:
Vogelbeobachtung: Jeden Herbst ziehen über 200.000 Kraniche hierher – ein spektakulärer Anblick.
Wassersport: Segeln, Windsurfen und sechs bewachte Strände.
Fachwerkkirchen: In den umliegenden Dörfern finden sich seltene Kirchen aus dem 15. Jahrhundert, die vollständig aus Holz und Lehm erbaut wurden.